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Im digitalen Zeitalter: Das Ende der Gesellschaft.

Published on 14 June 2017 gesellschaft

Wie verändern wir uns in einer digitalen Gesellschaft? Wie können sich Unternehmen auf diesen Wandel vorbereiten? Prof. Dr. Manfred Faßler, Social Scientist an der Goethe-Universität in Frankfurt, Deutschland, erläutert im Interview, warum es für ihn Gesellschaft als Ordnungsrahmen nicht mehr gibt – und warum wir zu kuriosen Identitäten werden.

Herr Prof. Dr. Faßler, als Social Scientist befassen Sie sich vor allen Dingen auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Disruptive Veränderungen und die Auswirkungen auf die Gesellschaft sind derzeit heiß diskutierte Themen. Wirken wirklich „zerstörerische“ Kräfte, die das Gegebene auf den Kopf stellen und nicht mehr logisch aufeinander aufbauen?

Ich glaube nicht, dass es so etwas wie disruptive Veränderungen gibt. Beobachtbar sind rasch, ja rasant aufeinander folgende Innovationen. Deren Zyklen werden zunehmend kürzer. Aber jede Veränderung folgt einer komplex zusammengesetzten und vorbereitenden Eigenlogik. Im Nachhinein wirken alle starken Veränderungen wie überraschende Entwicklungen, mal stetig, mal unstetig. Sie unterbrechen die Erwartung kontinuierlicher Entwicklungen. Diskontinuierlich kann man manche Veränderungen nennen. Wenn ich auf die langfristigen, technologischen Prozesse schaue, dann gibt es keinen Neuanfang bei null; und ich gehe auch davon aus, dass so etwas in Zukunft nicht passieren wird.

Dennoch ist unsere Gesellschaft im Wandel – der heute schneller geschieht, als noch vor wenigen Jahren. Wie können sich Unternehmen darauf vorbereiten?

Es ist wichtig, zu fragen: Was treibt uns wodurch voran? Es sind heute nicht einzelne Geräte oder Werkzeuge, nicht einmal komplexe Produktionsstraßen, die allein Veränderungen erzwingen. Mit Blick auf Big Data, globale Gerätenetzwerke, Konzepte wie Web 2.0 oder Industrie 4.0 lässt sich sagen: es sind umfassend programmierte Zusammenhänge, die Unternehmen zu entsprechend komplexen Anpassungen zwingen. Die Frage ist inzwischen: Mit welchen Algorithmen haben wir es zu tun? Wie sind die Ablaufprozesse? Unternehmen müssen ganz genau beobachten, was für sie wichtig ist: hinsichtlich Innovationen, Kreativitätsförderung, Qualifikationen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Marktzugänge und Konkurrenzbereiche. Und auch, was ihre Kunden angeht: Firmen können längst nicht mehr von einer Persönlichkeit ausgehen, die von einem einzelnen Produkt durch begrenzte Informationen zu überzeugen ist. Der Kunde ist User von Informationsnetzwerken, fragt Bewertung ab, informiert sich über ökologische Profile, Wertschöpfungsketten im Netz etc. Der Kunde ist Prod-User. Menschen sind heute vielfältig vernetzt, von Communities abhängig, medial informationsreich ausgestattete Persönlichkeiten. Sie folgen keinem einmal gegebenen Produkt-Treueschwur. Die Informations- und Produktvielfalt geben ihnen Recht. Das spiegelt sich auch in den Dynamiken eines Kundenstamms wieder. Umso intensiver sind die Bemühungen, Kundeninteresse zu erschließen, Kaufentscheidungen zu beobachten und zu bewerten, Unternehmensinformationen öffentlichkeitsfähiger zu machen. Das gilt insbesondere auch bei der Kontaktaufnahme zu Kunden und Interessenten.

Warum kommt es Ihrer Meinung nach zu solch einer breit aufgestellten Persönlichkeit, die sich auch im Kundenverhalten widerspiegeln wird?

Allgemein lässt sich sagen, dass durch digitale Netzwerke sowohl der Informationszugang, als auch die Informationsnutzung viel reichhaltiger geworden ist, also dies noch in den 1990ern bis zu den 2000ern war, und zwar weltweit. Menschen macht es Spaß, Information zu ´konsumieren´, zu nutzen und sie zu erzeugen. Zudem bieten Plattformen immer mehr Variationen von Datenströmen an, die intensiv genutzt werden. Über die kritischen Aspekte möchte ich hier nicht reden. Entscheidend ist, dass wir längst in einer Welt leben, die daten- und informationstechnisch verfasst ist. Informationstechnologisch bewegen wir uns als Weltbürger.
Eine Folge ist, dass die strikte Begrenzung auf Gesellschaft, auf nationalen Raum, also auch die strikte Begrenzung auf nationale Märkte ignoriert wird. Die Gesellschaft als verbindlicher und begrenzender Ordnungsrahmen hat an Bedeutung erheblich verloren. Zusammenhänge werden immer häufiger durch den Gesellschaftskonkurrenten repräsentiert – im weiten Sinne durch das Internet. Mittlerweile müssen wir nicht mehr den Blick darauf werfen, wie viele Einwohner eine Stadt oder ein Dorf hat, sondern wie viele „Bewohner“ ein soziales Netzwerk hat. Das klassische Konzept von Gesellschaft ist also nicht mehr anwendbar, – oder dies nur begrenzt. Und das hat weitreichende Folgen, sowohl privat als auch für die Arbeitswelt. Der Mensch als soziales Wesen, also als Subjekt, muss sich auf vielfältig neue Bedingungen einlassen, – und es gelingt ihm, sich neu zu organisieren. Denken wir an den privaten Bereich, können wir uns heute einen „Partner mit Niveau“ über das Internet „bestellen“ – wie auch Pakete und Empfehlungen.

Eine nachgesellschaftliche Struktur des Sozialen – eine interessante, gleichzeitig auch provokante Aussage. Welche Auswirkungen hat das Ihrer Meinung nach?

3,6 Milliarden Menschen sind tagtäglich in Local Area Networks unterwegs. Sie leben in einer Online-Offline-Welt, die sich nicht nur ständig verändert. Diese Welt erfordert ein neues Regelsystem für Privatheit, Liebeswerbung, Warenangebote, Produktentwicklung etc. Privat- und Berufsleben können schneller ein Spannungsfeld ergeben, können in heftige Konflikte geraten, unbedacht, unbeabsichtigt. Stellen Sie sich vor, jemand arbeitet in einem sehr restriktiven Umfeld mit dem PC – beispielsweise im Robotics-Bereich. Privat hingegen ist sie oder er ein Gamer oder gar ein Hacker; in jedem Fall ein aufgeregter Netz-User, der in unterschiedlichen Portalen Meinungen äußert. Menschen müssen lernen, im Internet mehrere Rollen einzunehmen – und die berufliche Nutzung von der privaten zu trennen. Und wenn man bedenkt, dass zahllose kulturelle und soziale Hintergründe ´zusammenkommen´, wird die individuell zu leistende Aufgabe erkennbar. Natürlich hat der Mensch schon immer verschiedene Rollen eingenommen; doch durch das Internet verschwimmen die regelungsstarken Gesellschaftsgrenzen.

Ich gehe davon aus, dass das menschliche Subjekt durch die ständige Kommunikation und den Wissensaustausch, der um uns immer stattfindet, nervöser wird. Denn wir können heute alles ständig befragen und überprüfen. Fakten, den Kontostand des Gegenübers, Wissen und Ereignisse – alles haben wir in Echtzeit zur Verfügung, bei entsprechender Geräteausstattung. Möglicherweise entstehen daraus in Zukunft ganz kuriose Identitäten.

Kuriose Identitäten – darauf müssen sich also Unternehmen künftig einstellen. Sind es die sogenannten Millennials, als junge Generation der Arbeitnehmer, die diese Veränderungen vorantreiben?

Es ist keine Frage, dass die sog. Millennials mit ihren medial geprägten Wissens-, Kommunikations-, Such- und Darstellungstechniken neuen Wind in die virtuelle Sphäre bringen. Allerdings bin ich etwas zurückhaltend, Veränderungen an Generationen zu koppeln. Es gibt in der Informationstechnologie keine „auslaufende Generation“, keine auf´s biologische Alter reduzierbare Gruppe, die für Unkenntnis steht. Problemsolver und Problemmaker kommen aus allen Generationen. Wir sollten nicht mit abgrenzenden Generationen argumentieren. Wir müssen eher die strukturellen Dynamiken und ihre Anforderungen berücksichtigen, empirisch ausgedrückt: Längs- und Querschnitte durch die Prod-User-Gruppen verschiedenen Alters. Dennoch gibt es sicherlich Unterscheidungskriterien, die jüngere Menschen von eher älteren abheben. Jene, die mit PCs aufgewachsen sind, haben auch ihre Person entlang der Technologie ausgebildet. Dabei wurde meist keine Selbstsicherheit oder Kontinuität im klassisch-modernen Sinne erzeugt. Das kulturelle und regelbezogene Dilemma ist: in einem ständigen Wandel, in einer Welt, in der ich sekündlich reagieren kann und sich alles ebenso schnell verändert, wird die Suche nach „Truth und Trust“ nicht mehr bedient. Die Regeln, die von ´außerhalb´ kommen, schwächeln. Und innerhalb der Netzwerke lasen sich die Diskussions- und Entscheidungszeiten für neue Regeln nicht aufbringen. ´Externe´ Referenzen, Wissen von denjenigen, die noch ´offline´ aufgewachsen sind, bleiben wichtig. Zugleich wird man sich über die erforderlichen Zeiten neu einigen müssen, die jeder anspruchsvolle Gedanke, jede anspruchsvolle Regel benötigt. Die Fähigkeit, Dinge und Zusammenhänge zu bewerten, wird darum umso wichtiger.

Eine abschließende – allgemeine und dennoch interessante – Frage: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus?

Wenn wir davon ausgehen, dass bis Ende 2025 rund 50-60 Milliarden Geräte an das Internet angeschlossen sein werden, dann ist kaum vorherzusagen, wie sich die Sozialstrukturen künftig verändern werden. Wir erleben nicht nur Industrie 4.0, sondern das Ende der großindustriellen und bürokratischen Moderne und damit auch den Transformationsdruck in Richtung einer Globalen Gesellschaft. Globalisierung ist kein exklusiv ökonomisches Phänomen. Zu beobachten und zu gestalten ist die Globalisierung des Sozialen, der Organisationen, der Unternehmen, der Intelligenz, des Wissens. Wir haben heute schon Probleme, mit rund 10 Milliarden vernetzten Geräten hinsichtlich der Bereiche Copyright, Personenrechte oder Privatsphären. Über digitale Plattformen werden enorme Datenmengen verbreitet, – und leider auch gefälscht. Was heute gilt, kann nächste Woche schon wieder ganz anders sein. Wie die Zukunft aussieht, das kann niemand vorhersagen. Es lohnt sich aber, sich die verschiedenen Entwicklungsoptionen und –chancen sehr genau anzusehen. Es gibt immer schon Indices für Veränderungen. Diese werden spannend sein, neugierig machen, werden zu sozialen und ökonomischen Verteidigungshaltungen führen, zu Abwehr oder auch zu neugieriger Begrüßung führen. In jedem Fall werden wir uns auf nicht unerhebliche Konflikte und überraschende Lösungen einstellen müssen, in allen Lebensbereichen. Nichts ist dabei sicher vorhersagbar. Zukunft ist immer der Möglichkeitskeitsraum, den Menschen sich selbst geben.

Herzlichen Dank für das Interview!

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